Die gestohlene Weihnachtsfreude In einem kleinen böhmischen Dorf zehn Kilometer von Budweis entfernt, einer Stadt eingebettet in eine herrliche Umgebung wo Moldau und Malse zusammenfließen, stand der Krämerladen von Tante Ludowika. Sie war die Schwester von Dianas Mutter. Um die Zeit des Heiligen Christfestes war ihr Laden besonders reizvoll anzuschauen und für Kinderaugen verlockend ausgestattet. Wie jedes Jahr machte sich auch die kleine Diana am späten Nachmittag auf den Weg zum Krämerladen. Sie dachte  an den Herbst, der dem Winter voraus gegangen war. Die Bäume hatten zu dieser Zeit schon alle ihre Blätter verloren und das bunte Laubwerk in seiner Pracht, das den Boden zierte, gab es nicht mehr. Dafür trugen jetzt die Bäume auf ihren Zweigen weiße Puderhäubchen aus Schnee. Die kahlen Bäume gespenstisch scharf wie Scherenschnitte hoben sich in dem Zwielicht des zur Nacht neigenden Tages vom Himmel ab. Es war die Dämmerung, die allmählich hereinbrach wobei die untergehende Sonne am Horizont die Abendwolken noch rosa und gelb erscheinen ließ. Nur ein begnadeter Maler vermochte diese Stimmung einzufangen. Ludowikas Nichte, die kleine Diana musste bald hier sein. Sie  wusste es, sie kam schließlich jedes Jahr am selben Tag vorbei. Mit dicken Pelzstiefeln in einen roten Wollmantel gehüllt und dem großen zu einem Dreieck gefalteten Fransenschal ihrer Mutter betrat sie den Laden. Ihre Augen begannen zu leuchten  und sie erweckten die Gewissheit - Diana ist vom Mysterium der Weihnacht  beseelt. Es war für sie ein besonderer Tag mit der Frage nach dem Geheimnis was damals in Betlehem geschah. Zu jener Zeit folgten Sterndeuter einem sehr hellen Stern, der sie zur Hütte führte, wo sie bei Maria und Josef  das Jesuskind in einer Krippe liegend vorfanden. Ihren Gedanken noch nachhängend an das Wunder von damals befand sie sich  immer noch in Tante Ludowikas Laden. Das Kind tastete mit wachen Augen alle Regale und Schubladen ab. Es flimmerte und glitzerte überall wohin sie nur schaute. Diana  musste sich strecken, um alles zu sehen, so dass ihre kleinen Füße auf den Zehenspitzen standen und ihr kleiner Lockenkopf  reichte nur wenig über den Rand der Theke. Unzählige Schubladen, Bücher Figuren, Quasten, Troddeln,  Spangen, Haarbänder, Hampelmänner, Stoffballen, Trommeln und Pfeifen Tand und Flitter,  und oben versteckt -  hübsches Geschirr für die Puppenstube. Dies alles inmitten des duftenden Tannenbaumes, an dem die roten Äpfel richtig lustig aussahen, beflügelten Dianas Phantasie. Durch das kleine Seitenfenster, das in einer Nische des Ladens eingelassen war, beobachtete Diana draußen auf dem Vorplatz von Ludowikas Laden das bunte Treiben der Dorfbewohner die sich inzwischen zu mehreren kleinen Gruppen zusammengetan hatten. Tante Ludowika zog einem Orakel gleich die Leute aus dem Dorf an, die gerne ihre feilgebotenen Waren kauften. Das war schon zur Tradition geworden. Süßes Backwerk, knackige Würste und in der Gesprächsrunde der Burschen und alten Herren durfte ein echtes Fässchen Glühwein nicht fehlen. So machten sie die Runde und jeder nahm einen kräftigen Schluck dieser heißen Köstlichkeit. Schließlich wusste man nicht mehr ob die roten Nasen vom Wein oder der klirrenden Kälte kamen. Diana wandte sich gelangweilt ab Sie war ein Kind und so dachte sie  auch noch wie ein Kind. Ihnen bleibt der Himmel nicht verschlossen, sie haben das Staunen noch nicht verlernt und Wunder gibt es überall. Da sie sich vom Getümmel der Leute zurückzog mit deren Schwatzhaftigkeit und einem oft deplazierten Humor hatte sie jetzt in der Stille des Ladens einen freien Blick für all die ausgestellten Schönheiten der Dinge, die hier ihren Platz gefunden hatten. Dianas umherschweifender Blick blieb schließlich an dem Puppenwagen hängen und hinfort galten alle Gedanken nur noch ihm. Sie musste ihn haben. Auf dem Nachhauseweg wirbelten in ihrem kleinen Kopf die Gedanken wild durcheinander wie sie vielleicht auf einem Umweg, der alle Regeln missachtet, zu dem geliebten Spielzeug kommen könnte. Es war ihr nicht ganz wohl dabei. Sie hatte kein gutes Gefühl, als ob das  Gewissen ihr etwas sagen wollte. Trotz alledem ersann sie eine List wie sie ungesehen in den Laden von Tante Ludowika kommen könnte. Sie erinnerte sich daran, dass Tante Ludowika  oftmals nur den Riegel davor schob und  ihn gar nicht abgeschlossen hielt, da er ohnedies sehr versteckt in einem abgelegenen Waldstück lag an dem kein Spaziergänger vorbeikam. In dieser Nacht fand sie keine Ruhe. Sie bat ihre Mutter um ein  Glas Milch mit Honig, aber das half auch nicht. Das Nachtgebet kam nur zögerlich von ihren Lippen und sie glaubte ihren eigenen Worten nicht die sie da sprach. Am nächsten Morgen, nach der Schule war es denn so weit. Sie machte sich auf den Weg und ihrer Mutter gegenüber beteuerte sie angefallene Schularbeiten bei ihrer Freundin Nina zu erledigen Das wurde auch akzeptiert, da nichts dagegen sprach. Es war kalt und sie musste sich beeilen, da es sehr früh dunkel wurde. Die Angst stieg langsam in ihr hoch und bemächtigte sich langsam ihres  ganzen Körpers. Sie fing an zu zittern, aber sie blieb beharrlich und gab nicht auf. Der Boden wurde immer frostiger und die knorrigen Wurzeln der alten Tannen machten den Weg uneben, sodass sie mehrmals stolpern musste. Ungeachtet dessen lief sie weiter, denn es war nicht mehr weit bis zur Hintertüre des Ladens. Die Dämmerung kam langsam auf, und die Dunkelheit hatte etwas Bedrohliches, da der Wald alle Geräusche lauter werden ließ. Hie und da knackte ein Ast und vermutlich war es ein Käuzchen, das Laute von sich gab, die sie mit Sicherheit nicht fröhlich stimmte. Da sah sie schon in Umrissen die Rückfront des Krämerladens und die Türe. Was, wenn sie nun verschlossen ist? Aber sie war tatsächlich nur verriegelt. Langsam und mit aller  Umsicht und  Behutsamkeit zog sie den Riegel zurück und da stand sie nun mitten im Laden mit einem schlechten Gewissen. Aber der Puppenwagen glitzerte noch immer. Es war wohl ihre Phantasie, die ihr hier einen Streich spielte. Alles ging nun furchtbar schnell. Den Puppenwagen zu transportieren war nicht leicht. Es wurde immer dunkler und sie holperte und polterte über den frostigen Boden mit dem Gedanken "nur weg hier". Die Tannen erschienen ihr größer und dunkler, sie machten ihr Angst. Zum Glück war es nicht weit zum väterlichen Anwesen, das beruhigte sie. Endlich atemlos und zitternd angekommen sah sie ihr Elternhaus friedlich mit erleuchteten Fenstern, die wie helle freundliche Augen in den Schnee schauten. Es war niemand auf dem Hof. Mutter stand mit Sicherheit am Herd und kochte, Vater stopfte sich am Abend die verdiente Pfeife  und ruhte sich im Ohrensessel aus. Machten sie sich Gedanken darüber, dass ich noch nicht zu Hause war? Schnell in die Scheune, dachte Diana. Sie zog ihre roten Handschuhe aus, versteckte den Puppenwagen hinter einer Futterkiste für das Vieh, und  überdeckte  den Puppenwagen mit einer Menge griffigen Strohs. Danach ging sie mit vorgetäuschtem Mut und einem Gewissen, das  sich mit allen guten Sitten nicht vereinbaren ließ, dennoch scheinbar gelassen, auf ihre Eltern zu . "Es hat ein bisschen länger gedauert", "schon gut", erwiderte Mutter, ich habe  es mir gleich gedacht, dass du heute etwas später kommst. Am Abend des nächsten Tages ging Vater wie üblich in den Schuppen um Holz für den großen Kaminofen zu holen. Er musste tüchtig zulangen, da Mutter heute noch eine Menge für Weihnachten in der Küche zu tun hatte. Teils verwundert, erschrocken, und nichts ahnend was das zu bedeuten hatte fand er ein Paar rote Handschuhe nahe der Futterkiste. Neugierde und das Verlangen nach Aufklärung dieses mysteriösen Zufalls suchte er weiter, und fand fassungslos den Puppenwagen aus Tante Ludowikas Laden. Bestürzt eilte er zurück ins Haus und Mutter sah es ihm gleich an,  dass etwas Ungewöhnliches vorgefallen sein musste. Nach Darlegung aller Umstände bat er Tante Ludowika am nächsten Morgen um einen Besuch am Ort des Geschehens. Sie kam pünktlich zur angegebenen Zeit und war ebenso bestürzt als sie selbigen Morgens zur frühen Stunde, da sie im Laden etwas vergessen hatte, den Puppenwagen vermisste. Aber, dass er in der Scheune von Dianas Vater zu finden war konnte sie sich nicht erklären. Diana wurde zusehends unruhiger, bis sie endlich sagte, dass sie es war, die den Puppenwagen entwendet hatte. Nach diesem Geständnis beschlich sie das Gefühl der Erleichterung und unendlicher Reue. Sie hatte sich schuldig gemacht. Der Umstand wie Tante Ludowika und ihre Eltern auf das strafmündige Vorgehen Dianas  reagierten bestärkte sie in allen Facetten ihres schuldig gewordenen Verhaltens und sie weinte bitterlich. Sie musste den Puppenwagen wieder  zurückbringen. Die Tage gingen dahin. Sie wurden immer kürzer und die Dunkelheit begann immer früher. Es ist ruhig geworden in Dianas Elternhaus. Es fiel kein Wort mehr über das was geschehen war. Die Zeit bleibt nicht stehen. Auch unehrenhafte Handlungen verblassen, aber man kann sie nicht auslöschen. Weihnachten kam immer näher und mit ihm die Vorfreude auf das Fest. Diana und ihre Eltern hatten Frieden geschlossen. Plätzchen waren gebacken, der Weihnachtsstollen duftete und die Gans im Ofen brutzelte. Tante Ludowika war auch eingeladen und sie war pünktlich zum Essen da. Dann kam die Bescherung in der großen Wohnstube bei flackerndem Kaminfeuer. Der Tannenbaum glitzerte und unter dem Weihnachtsbaum lagen hübsch  verpackt alle erdenklichen Geschenke, die auf ihre Besitzer warteten. Eitle Freude und Erwartung in aller Augen. Diana war ein wenig traurig, da sie dieses Mal nicht viel erwarten durfte. Damit hatte sie sich abgefunden. Und das war auch gut so. Die Geschenke waren ausgepackt und die vorher so sorgfältig gefalteten mit Schleifen verbundenen Geschenkpapiere wanderten ins offene Kaminfeuer, die gespenstische Schatten an die Wand warfen. Manches von Künstlerhand in Öl gemalte Porträt einer Person aus der Familie wurde lebendig und nahm Gestalt an. So auch das von Dianas geliebter Großmutter, die sie lehrend ermahnte die göttlichen Gebote immerfort vor Augen zu haben. Alle waren jetzt beschäftigt sich über dieses und jenes  Unwichtige zu unterhalten und achteten dabei nicht mehr auf Diana. Sie aber verweilte einige Sekunden lang auf Großmutters Bild und ihre Worte gruben sich in ihre Seele. Sie ging behutsam und leise zum Weihnachtsbaum, um ein wenig Gebäck abzunehmen, das für gewöhnlich immer an den Zweigen hing. Ein unglücklicher Moment und es fiel zu Boden, direkt auf ein großes Paket, das seinen Besitzer noch nicht gefunden hatte."Diana das ist für Dich" , lachte Vater. Und sie  weinte vor Freude. Es war ihr geliebter Puppenwagen! Tante Ludowika  sagte schallend: "Natürlich war er unverkäuflich, da ich ihn für Deinen Vater reserviert hatte!" Diana war so in ihrem jungen Leben um eine Erfahrung reicher. Man darf nicht stehlen, das wusste sie jetzt und auch wie es sich anfühlt wenn man schuldig geworden ist. Eine Geschichte von Ingeburg Hoch, (c) 12/2011 Amor vincit omnia Omnia vincit amor Gefällt Dir diese Webseite oder diese Geschichte, dann besuche uns auf facebook. © Computerverlag A.Hoch e.K.